Sonntag, 28. Oktober 2007

Brief an die Ebersche

Du Unvergleichliche,

Wo immer ich auch bin: bist Du in der Nähe so wendet sich mein Geist dir zu. Meinem inneren Empfinden nach, gleicht kein Baum in seinem Wesen mir mehr als du. Und doch bist du so anders als ich. Oder kommt es mir nur so vor? Sehe ich dich im Winter mit deinen zarten, blattlosen Ästen so scheinst du mir sanfter zu schlafen als die Eiche mit ihrem tiefen Schlaf, die Buche mit ihren regen Träumen oder die Birke die nur so leicht schläft als ruhe sie auf einem Kissen aus Wolken. Dein Schlaf ist sanft und still und voller Kraft. Bist ganz Schlaf in meiner Gegenwart und doch bei mir. Im Frühling steigst du dann wie neugeboren in weißer Blütenpracht hervor. Alles ist neu und rein, voller Neubeginn und Tatendrang. Deine gefiederten Blätter spielen im aufbrausenden Wind der Frühjahrststürme und bestehen die Prüfung mit Biegsamkeit und Nachgeben.
In der Hitze des Sommers brennst du mit der Sonne in roter Glut. Verheißungsvoll und voller Leidenschaft leuchten mir deine roten Beeren und erinnern mich an die Sehnsucht nach dem Leben selbst. Das gekostet und getrunken werden will bis zum Grunde des Bechers. Das mir Freiheit verheißt, Stillung und Fülle.
Im Herbst ziehst du dir ein dunkles Kleid an. Die Beeren die von den Vögeln nicht aufgepickt, noch vom Wind herunter geweht, hängen in schwarzen Dolden in den immer kahler werdenden Ästen. Du legst ab, was zu viel zur inneren Einkehr, die wir Winter nennen. Läßt die Sehnsucht des Sommers zerfließen und gehen, hältst nicht an ihm fest sondern hast Vertrauen in das Rad des Jahres, in den Kreislauf der Natur. Läßt Vergehen, was vergehen muss, zum Sammeln neuer Kräfte in der Stille, abwartend, geduldig, vertrauend.
Wie gerne würde ich dir gleichen. Nach jedem Tode neu beginnen im weißen Kleid der Kraft und Vorfreude. Im Roten Kleide glühen vor Leidenschaft und das Leben austrinken zu des Bechers Grund und meinen Wert erfüllen. Und dann - loslassen, vertrauen, gewiss sein, dass auch dieser nächste Tod nichts weiter ist als das Kräftesammeln zu einem neuen Leben.

in Ehrerbietung deine
Bewohnerin der Wälder
Mariamne

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