Samstag, 20. Oktober 2007

Brief an die Eibe vor meinem Fenster

Liebe Eibe, dunkle, schöne Schwester,

als ich hierher kam, da wartetest Du schon auf mich. Als ich zum ersten mal hier aus dem Fenster blickte da sah ich allein Dich. Gift fließt durch Deine Adern seit Jahrhunderten, Dunkelheit umhüllt dich wie ein Schleier in dem die Schatten tanzen. Das gab mir Hoffnung. Gab mir Mut in meiner Angst die ich damals empfand. Und wann immer ich diese Angst spürte, nahm mir der Gedanke daran, dass Du vor meinem Fenster wachst, die Schatten von der Seele und ließ mich ruhig und sicher schlafen. Einmal da reißte ich zu Dir, erinnerst Du Dich? Sicherlich, denn in deinen Zweigen schlummert das Wissen und die Weisheit aller Zeitalter. Ich tauchte hinab zu deinen Wurzeln und durch sie hindurch. Unten empfingst du mich in gleicher Gestalt. Auf der anderen Seite, da standest Du an einem See im Wald, in Gesellschaft mit Fichten, Birken und Eichen. Die Sonne stand tief und bewegte sich doch nicht. Die Blüten der Linden trieben durch die Luft. Ich begegnete einer Libelle, sie nahm mich bei der Hand und tanzte mit mir über den See, so dass unsere Fußspitzen sanfte Kreise auf der Wasseroberfläche hinterließen. Wir drehten und tanzten einen ganzen Sommer lang und immer wieder schwang die Libelle mich herum und sagte: "Ach tanze noch einen Sommer mit mir. Ach tanze mit mir und bleibe, nur noch einen Sommer lang." Und ich tanzte leichtfüßig und unbeschwert. Verzaubert. Hätten die Trommeln mich nicht zurück gerufen ich wäre versunken im Sommer, im Tanzen, im Spiegel des Wassers.
Seit dem verheißen mir deine dunklen Zweige nicht nur Schutz, sondern deine blättrige Borke schenkt mir die Erinnerung an einen durchtanzten Sommer voll Lachen und Zauber. Ich weiß, ich sollte das nicht tun, aber manchmal da spüre ich einen Anflug von Trauer, weil ich weiß, dass ich dich hier wieder verlassen werde. Dass ich nicht für immer hier bleiben werde. Doch wenn Du erlaubst, dann werde ich dich mitnehmen, als Baum meines Zeitwaldes, den ich seit meinen Kindertage auf dem Affenfelsen gepflanzt habe. Doch jetzt noch nicht, noch bin ich bei Dir und Du bei mir. Ich danke Dir für Deinen Schutz. Danke Dir für Deinen Zauber.

Alles Liebe
Mariamne, Bewohnerin der Wälder

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