Mittwoch, 24. Oktober 2007

der Zeitwald (1) - die ersten Bäume

Manche Dinge geschehen mit uns bevor wir überhaupt in der Lage sind zu begreifen, was sie mit uns tun. Selbst heute, über zwanzig Jahre später beginne ich erst ansatzweise zu begreifen was der Zeitwald ist. Nein, so kann ich das nicht sagen. Ich begreife gar nichts. Aber irgendwann kam mir eine Idee, die mir ein erstes, schwaches Licht in das Dunkel der Bedeutung des Zeitwaldes warf. Aber ich beginne vorne. Beginne dort wo alles begann - in meinem Wald, von dem ich Euch hier immer wieder erzähle.

Es gibt eine Brücke in diesem Wald. Damals gab es sie auch schon. Sie führt über den Bach der an der Stelle vorbei fließt an dem ich meinen Schatz vergraben habe. Es ist ein anderer Bach, als der, der durch den Zwergenwald fließt. Er hat einen ganz anderen Verlauf und einen ganz anderen Charakter. Sein Weg führt in eine sehr tiefen Schneise durch den hohen Fichtenwald. Die Hänge die zu ihm hinabführen sind sehr licht und bewachsen mit Brombeersträuchern, Farnen, Blumen und ab und zu einem niedrigen Laubbaum. Auf dem letzten Stück kurz vor der Holzbrücke fließt er in einer nassen Ebene durch die hohen Bäume. Dort ist der Boden so feucht, dass man in ihn zu jeder Jahreszeit ein wenig einsinkt, wenn man sich entschließt vom Weg ab zu ihm hin zu stapfen. Hinter dem Bach führt ein steiler, mit Laubbäumen bewachsener Hang hinauf zu einem Hügel, den wir damals den Affenfelsen nannten. Dieser Hang ist immer bedeckt mit braunem Herbstlaub. Es liegt dort immer in einer dicken Schicht, die in jedem Herbst dicker wird. Man kann den Hügel über diesen Hang vergleichsweise mühelos erklimmen, aber das tat ich nur selten. Es war einfach nicht das selbe. Ich näherte mich dem Affenfelsen immer von der Seite - von der Brücke aus. Die Rückseite des Affenfelsens war nicht begehbar, weil sie zu schroff und bröckelig zum Tal hinab fiel, wo man zwischen den Bäumen unten die ersten Häuser sehen konnte. Den Affenfelsen von der Seite her zu besteigen bot beides: es war möglich ihn zu erklimmen und man musste auch etwas klettern, auf der anderen Seite war es jedoch nicht so simpel, als liefe man hinten den steilen Hang einfach hinauf.
Ich habe vielleicht zwei, drei mal versucht den Affenfelsen über diesen Hang zu besteigen, aber ich hatte das Gefühl dann nicht am richtigen Ort anzukommen. Ich blieb dann dort nicht sondern spazierte weiter. Wenn ich den Felsen von der Seite her bestieg, dann konnte ich stunden lang oben unter den knorrigen, niedrigen Eichenbäumen sitzen, die dort wuchsen. Der Boden dort oben war sehr steinig - flache Schieferplättchen die wie Schuppen aus dem Berg heraus lugten. Nicht selten zog ich zwei davon heraus. Den einen benutzte ich dazu auf den anderen ein geheimnisvolles Zeichen einzuritzen, dessen Bedeutung mir selbst nicht klar war. Es war, wie ich heute glaube, einfach ein Zeichen, welches meinem Gefühl des Augenblicks entsprach. Es gab dafür kein Wort, aber ein unbekanntes Zeichen ist ein guter Ausdruck für ein unbenamtes Gefühl. Manchmal trug ich in meinen Hosentaschen oder in einer kleinen Tasche die ich bei mir trug diverse Dinge mit mir herum, die ich bei Gelegenheit eventuell gebrauchen konnte. Dazu gehörte Bindfaden, Papiertaschentücher, eine Pipette und ein Skalpell aus meinem Mikroskopkoffer. kleine Gläschen und Schachteln für Fundsachen und eine Lupe. Manchmal war ich auch mit ein oder zwei Freundinnen auf dem Affenfelsen. Wir machten dort Picknick, schauten herab auf die Häuser, redeten miteinander, zogen die flachen Schiefersteine aus dem Berg und ritzten irgend etwas hinein. Ich bestand immer darauf, dass keine meiner Freundinnen diese Steine mitnahm. Sie konnten sie dort einfach liegen lassen, sie vergraben oder hinterher wieder an die alte Stelle stecken (was mir am liebsten war). Warum auch immer das so war, sie respektierten diese Macke von mir und ließen die Steine wo sie waren. Auch heute noch, wäre es undenkbar für mich von dort oben einen Stein mitzunehmen und wenn ich wüßte, dass jemand einen Stein von dort oben weggetragen hat, dann fühlt sich dieser Gedanke genauso an, als ob jemand einen Teil von mir irgendwo anders hingetragen hätte.

An einem Tag, als ich schon länger oben gesessen hatte begann ich mehrere lange aber wenig breite Steine aus dem Felsen zu ziehen. Sie hatten alle etwas die selbe Größe (ungefähr wie ein Finger) und waren Rautenförmig. Ich holte aus meiner Tasche den Bindfaden und die Taschentücher. Ich nahm ein Taschentuch und riß es vorsichtig in zwei Teile. Mit einer Taschentuchhälfte umwickelte ich nun den ersten Stein. Dann nahm ich den Bindfaden und wickelte ihn sehr oft und fest um den Stein, so dass seine Konturen unter dem Taschentuch wieder gestalt annahmen. Als der Stein wie eine kleine Mumie, oder ein Kokon aussah machte ich in den Bindfaden einen Knoten, ließ noch ein recht langes Stück Schnur hinter dem Knoten übrig und schnitt sie dann ab. Das selbe machte ich für alle Steine, die ich aus dem Felsen geholt hatte. Ich war dabei wie im Traum und tat alles völlig im Augenblick versunken. Als alle Steine eingepackt waren legte ich sie in einer langen Reihe nebeneinander und hielt meine Hände darauf. Ich spürte einen Energiestrom oder so etwas wie eine warme Spannung zwischen mir und den eingehüllten Steinen am Faden. Dann nahm ich sorgsam jeden einzelnen Stein, hielt ihn eine Weile in der Hand bis meine Wärme auf ihn übergegangen war und hängte ihn an der langen Schnur an eine der niedrigen Eichen. Dies tat ich mit jedem Stein, als sei er der erste und einzige. Ich war dabei noch immer versunken und hörte nur von ganz fern einen Anflug von Gedanken in meine Kopf, die mich verwundert fragten, was das zu bedeuten hat und ich antwortete darauf, dass ich es nicht weiß. Als ich fertig war, war die Dämmerung schon hereingebrochen. Es war noch nicht ganz dunkel aber unten bei den Häusern waren schon die Strassenlaternen an gegangen. Ich stand noch bis es ganz dunkel war da und betrachtete die weißen Punkte die zwischen den Ästen der knorrigen Eichen hingen. Dann ging ich nach Hause und nicht mehr zum Affenfelsen. Ich wollte die "Puppen" nicht stören und dann vergaß ich sie, bis ich sie Jahre später auf einer Reise zwischen den Welten wiederfand.

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