Mittwoch, 24. Oktober 2007

der Zeitwald (2) - der zweite Baum

Es war eine Zeit in der ich sehr einsam war. Aber auch eine Zeit in der ich sehr viele Experimente mit meinem Bewußtsein unternahm um es auszuloten. Eines dieser Experimente bestand darin in Gedanken ein Kino zu besuchen. In diesem Kino liefen Filme die Ausschnitte aus meinem Leben zeigten. Ich stand vor einer großen Leinwand und wartete. Längere Zeit blieb die Leinwand ein weißes Rechteck in der umgebenden Dunkelheit. Doch dann fing das Programm an. In schneller Abfolge wurde eine Szene nach der anderen gezeigt. Sobald das Ende der Szene erreicht war, frohr das Bild ein, schrumpfte auf eine minimale Größe und schwebte in die obere Zeile der Leinwand. So ging es immer fort, bis schließlich die ganze Leinwand mit winzigen, nicht mehr erkennbaren Bildchen in Zeilen und Spalten bedeckt war. Dann bildete sich in der Mitte ein Strudel der die Farben aller Bildchen zu einer bunten Spirale verzog die sich immer weiter rechts herum drehte. Dann plötzlich änderte sich die Richtung und die Spirale entdrehte sich zu einem geraden Bild. Auf diesem Bild sah ich weiße Punkte in der Dämmerung und ich wußte in diesem Augenblick, dass dies die Steinkokons waren die ich vor mehr als 15 Jahren dort aufgehängt hatte. In diesem Moment verfiel ich wieder in diesen tranceartigen Zustand. Vor meinen Augen sah ich dir Realität verschwommen, hinter meinen Augen sah ich klar und deutlich die Puppen. Ich beobachte, wie meine Hände Bindfaden und Steine suchten. Ich fand in meiner Wohnung nur einen einzigen, glatten Stein und wickelte ihn sorgsam ein, immer das Bild auf dem Affenfelsen hinter den Augen.

Dann ging ich hinaus. Immer die Strasse hinauf, die Steil auf einen Berg führte auf dessen Rücken eine große Wiesen und im Anschluss daran eine Weide lag. Als ich oben angelangt war zog ich sofort meine Schuhe aus, immer den eingewickelten Stein in den Händen. Als meine Füße das kühle, weiche Gras berührten wurde mein Blick auf einmal klar. Das hinter meinen Augen liegende Bild vom Affenfelsen verschwand und ließ meinen Blick frei für den weiten Blick über die Wiesen und Weiden die sich bis zu den nächsten Hügeln erstreckten, die nicht weit entfernt waren. Der Himmel war wundersam klar wie ein Kristall. Der halbe Mond stand über einem der Hügel zwischen seinen Sternen die von überall her zu tausenden leuchteten. Wie hypnotisiert ging ich langsam auf einen einzelnen stehenden Baum zu. Ich kam zu dem Zaun, der die Wiese von der Weide trennte und ich robbte vorsichtig unter dem Stacheldraht her. Der Baum war nicht weit vom Zaun entfernt, doch ein paar Schritte musste ich schon überwinden. Am Baum angekommen, sah ich, dass jemand Holzstufen an den Baum genagelt hatte und ich stieg an ihnen hinauf in die Krone so weit es ging. Auf der einen Seite tat ich dies alles wie im Traum. Auf der anderen Seite spürte ich jedoch auch, dass ich Angst hatte. Ich befestigte den Stein an seiner Schnur an einem der Äste und stieg wieder vom Baum herunter. Von gar nicht mehr so fern sah ich die neugierigen Kühe der Weide auf mich zukommen und es gibt wenig, was bei Nacht auf dem Land unheimlicher ist als zwei riesige, teichgroße, neugierige Augen einer Kuh, die versucht in der Dunkelheit irgendwelche Umrisse zu erkennen. Ich beeilte mich vom Baum zum Zaun zu gelangen und ohne hängen zu bleiben wieder unter ihm hindurch zu schlüpfen. Mein Herz klopfte mir bis zum Hals, denn die Kuh war schon sehr nahe gekommen. Als ich es geschafft hatte entfernte ich mich noch einige Schritte vom Zaun bevor ich mich umdrehte. Die Kuh stand regungslos am Zaun und schaute zu mir herüber. Weiter hinten auf der Weide sah ich andere Kühe im Nebel stehen, sie waren wie in einer anderen Welt. Die Kuh am Zaun war bei mir in meiner Welt - in der Welt dazwischen, in welcher ich mich befand. Ich wurde ganz ruhig und schaute zum kristallklaren Himmel hinauf. Dann zog ich mich aus und breitete meine Kleidung wie eine Decke auf dem Boden aus um mich darauf zu legen. Die Erde unter mir wärmte sich schnell auf. Über mir wehte eine sanfter kühler Wind, von dem ich Gänsehaut bekam. Aber mir war nicht wirklich kalt. Ich spürte einfach die Wärme die von unten in mir aufstieg. Der kühle Wind war nur außen. Ich schaute zum Mond über dem Hügel und ein paar lange Ähren von Süßgräsern wogten sich sanft vor seinem Angesicht von meinem Blickwinkel aus.
Wenn man so unter dem Himmelszelt liegt, dann wird mit einem mal alles ganz klein und nah. Der weite Weltraum ist dann gar nicht mehr weit, sondern liegt wie eine geschmeidige Decke über einem und bildet einen Raum mit der Erde. Es ist, wie in einer Kugel zu liegen oder in einem Ei. Ungeschlüpft. Wie ein Kokon. Ich kann mich an all das erinnern, aber ich habe es in einem Zustand erlebt, der weit weg gerückt ist von dem was man als alltäglich bezeichnen könnte. Und in diesem Punkt merke ich immer wieder, dass das Bild von den Steinen auf dem Affenfelsen für mich ein Tor ist, dass ich damals als Kind ge-(er?)funden habe. Eines der Tore in die Zwischenwelt des Bewußtseins. Dies war die Geschichte des zweiten Baumes meines Zeitwaldes. Ich weiß nicht so genau, warum er Zeitwald heißt. Vielleicht, weil in ihm Bäume versammelt sind die zu verschiedenen Zeiten existieren alle in diesem einen, inneren Wald. Sie bleiben in ihrer Zeit und doch sind sie gleichzeitig alle an diesem inneren Ort - dem Zeitwald. Das ist nur eine Mutmaßung. Wissen tue ich es nicht. Es gibt noch weitere Bäume in meinem Zeitwald, von denen werde ich das nächste mal erzählen. Doch nun ist es Zeit zu schlafen, zu träumen, zu reisen.

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