Dienstag, 23. Oktober 2007

die Entdeckung des Zwergenwaldes (1)

Jeden Tag, sobald ich aus der Schule kam ging ich in den Wald bis es dunkel wurde und ich nach Hause musste. Ich hatte so meine Plätze im Wald die ich immer wieder aufsuchte. Eigentlich gab es immer zwei Arten von Waldbesuchen die ich machte. Die eine Art des Besuches waren endlose, stundenlange Spaziergänge die mich mal quer durchs Dickicht, mal entlang zugewachsener Pfade und seltener den Hauptwaldwegen entlangführten. Die andere Art von Waldbesuch, die auch häufiger vorkam, war das Aufsuchen bestimmter Plätze an denen ich dann stunden lang auf einem Baum oder Mooskissen saß oder lag. Bei meinen Spaziergängen fand ich manchmal diese Plätze. Wenn man so eine Gewohnheit hat, dann bringt einen ein innerer Antrieb zunächst immer dazu in die selbe Richtung zu gehen. Die Neugierde jedoch treibt einen in die entgegengesetzte Richtung, in die Richtung des unbekannten und vielleicht auch des etwas unheimlichen. So war es bei der Entdeckung des "Zwergenwaldes". Um in den Wald zu kommen, ging ich zuerst immer an der Strasse den steilen Weg hoch. Oben hinter einer dreiadrigen Kreuzung war eine riesige Wiese, die bei uns warum auch immer "Knabenswiese" genannt wird. Sie führt steil bergab und unten ist ein kleiner Bach, der nach dem Regen den unteren Teil der Wiese völlig unter Wasser setzt. Man konnte dort immer viele Frösche und Wasserläufer antreffen. Auf der anderen Seite hinter dem Bach ging es dann wieder steil die Wiese hinauf bis zu einem quer führenden Weg. Der Gewohnheit gemäß, bog ich auf diesem Weg meistens rechts ab, weil von dort aus viele Wege in die weite des Waldes führten, durch die man stundenlang wandern konnte. Rechts, so wußte ich, war eigentlich nicht mehr viel. Eine Sackgasse vielleicht. manchmal ging ich auch ein Stück diesen Weg entlang. Er mündete an einer Koppel neben der ein sehr steiler Grashang in den Wald hinauf führte. Der Weg ging daneben noch weiter aber führte in einen sehr dichten, dunklen Tannenwald, der noch gar nicht so alt war. Die Bäume standen wie ein Dickicht eng beieinander, so dass der untere Teil der Bäume, ein dunkelbraunes Durcheinander aus nadellosen Zweigen, kein Licht mehr bis zur Erde ließ. Der Waldboden war dort immer feucht. Auf der rechten Seite führte auch wieder ein Bach in einer tiefen Schneise leise sein Wasser aus dem Wald. Lange Zeit war es mir unheimlich diesen Weg zu gehen und ich suchte zunächst immer wieder verschiedene andere Möglichkeiten dem Weg irgendwie zu folgen ohne auf ihm gehen zu müssen. Ich versuchte es über den Berg auf der rechten Seite, doch dort ging es teilweise so steil den Berg hinauf, dass ich nicht mehr weiter kam, so dass ich mich außer Atem in einem Fingerhutfeld niederließ, mich ausruhte und mich wieder an den Abstieg machte. Ich versuchte dem Bach zu folgen, doch dass war mehr als aussichtslos denn das Dickicht erstreckte sich über das Wasser und für mich war dort kein Fortkommen. Ich versuchte es über den Hang neben der Koppel, doch mein Versuch endete an einem Brombeerdickicht, dass mich nicht durchließ.
Es dauerte lange bis ich mich dazu überwand Schritt für Schritt dem Weg zu folgen. Ich bereitete mich tagelang darauf vor, in dem ich täglich stundenlang auf einem Holzstapel am Eingang des Weges saß und hineinschaute, so weit es ging. Für mich bildete sich dabei bereits der Begriff "Zwergenwald", weil seine Zeige so tief hingen und der Himmel über den Bäumen gar nicht mehr sichtbar war. Aber es führte ein Weg hinein und ein Bach hinaus. Als ich dann dem Weg folgte, tat ich dies mit Herzklopfen und hörbarem Atem. Meine Schritte waren unsicher und ich schaute mich immer wieder um um zu sehen wie weit ich schon gekommen war. Der Weg war sehr feucht und führte beständig Berg auf. Rechts und links waren zwei tiefe Spurrillen die gar nicht bewachsen waren. Auf der Erhebung zwischen diesen Rillen, in denen bei Regen das Wasser den Berg hinunter floss, wuchs Binsen. Plötzlich lichtete sich das Dickicht und ich kam auf einen Weg zwischen zwei Hängen auf denen riesige, wogende Fichten standen. Ich blieb stehen und schaute lange hinauf. Es kam mir vor wie eine Erlösung. Wie als wenn sich mit der Weite zwischen den Bäumen auch etwas in mir weitet. Ich hörte die Fichten flüstern und sah Sonnenstrahlen zwischen ihren Zweigen sanft hin und her tanzen.

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