Dienstag, 23. Oktober 2007

die Entdeckung des Zwergenwaldes (2)

Der Weg führte nicht lange durch diese Weite, die in meinen Augen einer natürlichen Kathedrale glich. Er endete bei einer Ansammlung kleinerer Bäume und Sträucher. Der Weg endete an einem Tor aus gebogenen Zweigen zweier niedriger Laubbäume. Dahinter war Waldboden der mit den braunen Blättern des letzten Herbstes bedeckt war. Die Zweige hingegen trugen grüne Blätter. Ich blieb einige Zeit vor diesem Tor stehen und hatte die ganze Zeit das Gefühl, dass ich, wenn ich durch das Tor ging irgendwo anders hin komme. Irgendwo in eine parallele Welt. Ich ging hindurch. Es war dort auch das was ich von außerhalb gesehen hatte, doch es fühlte sich anders an. Was ich sah war immer noch die gleiche Welt aber zu spüren war etwas ganz anderes, was darunter lag. Ich ging ein wenig unter den niedrigen Laubbäumen umher und stieg dann den dahinter liegenden Hügel zur hinauf, auf dem die majestätischen Tannen ihr wogendes, hoches Dach bildeten. Darunter wuchs langes Gras welches wie weiches Haar den Waldboden bedeckte. Ich legte mich dorthin und beobachtete wie irgendwelche Blüten oder Samen auf den Sonnenstrahlen durch die Luft trieben. Ich blieb dort so lange bis die Sonne schon hinter dem Hang auf dem ich lag verborgen war und ging dann den Weg zurück, der in der Abenddämmerung noch dunkler und unheimlicher war. Es sang kein Vogel, das Rauschen des Baches war nicht zu hören und auch die wogenden Fichten hatten aufgehört zu flüstern. Auf dem letzten Stück habe ich mich sehr gefürchtet. Als ich aus dem Wald heraus wieder auf Knabenswiese kam, waren oben auf der anderen Seite, an der Strasse schon die Strassenlaternen an. Ich war danach öfters da. Besonders, wenn es mir sehr schlecht ging, ich Ärger hatte oder allein sein wollte. Was eigentlich sehr oft der Fall war. Ich habe mich an diesem Ort hoch oben im Wald geborgen und aufgehoben gefühlt. Dass der Weg dorthin so bedrohlich und nicht zu einfach war, gab mir noch mehr das Gefühl von Schutz. Gab mir auch das Gefühl, etwas überwinden, verdienen zu müssen um dort zu sein. Was es besonders zu "meinem" Platz machte.

Auf dem Weg dorthin pflückte ich den Binsen und flocht daraus Bänder. Ich stellte mir vor, dass ich meine ständig kreisenden Gedanken, meine Traurigkeit (Wut hatte ich damals noch nicht) und meinen Kummer in diese Bänder flocht. Ich vergrub sie dann im Waldboden unter dem Tor oder warf sie in den Bach damit das Wasser sie wegtragen konnte. Das bedeutete mir alles sehr viel und es ging mir damit besser. Es war etwas für mich. Da wo ich in der übrigen Welt nicht das Gefühl hatte einen Platz zu haben, hatte ich dort einen Platz wo ich eine Welt hatte. Wo die hohen Fichten über mich wachten, der dunkle Weg mich verteidigte, wo die Geschichten von Jahrhunderten in der Luft lagen, so dass ich nur danach greifen musste. Damals begann ich damit zu schreiben. Gedichte und Märchen.

Wenige Jahre später, mit meinem ersten "Verliebten", ging ich dort hin. Ich wollte ihm diesen Platz zeigen, weil dieser Platz mir so viel bedeutete und ich einfach vertrauensseelig war. Es war das erste mal, dass ich jemanden dort mit hingenommen habe. Aus heutiger Sicht würde ich es nicht mehr tun, obwohl es so gesehen keine Konsequenzen daraus gab. Als wir dort ankamen, war das kleine Stück am Ende mit dem Tor gerodet und alles sah aus wie ein einziges Schlachtfeld. Es hat mich furchtbar schockiert. Und ich wünschte mir, dass ich diese Entdeckung allein gemacht hätte. Diese Rodung war für mich, wie eine Rodung in mir. Mein Freund merkte davon eigentlich nur, dass ich schockiert war und nicht, was es wirklich in mir bewirkte, er hätte es nie verstanden. Ich war mit ihm auch gar nicht so vertraut, dass ich ihn in diesem Moment gerne dabei hatte. Er drückte mich einmal und meinte, dass Teile des Waldes immer wieder einmal gerodet werden müssten, damit der Wald gesund bleibt. Ja, aber doch nicht dieser Platz! Er war geheim und verborgen und verwunschen. Es riß mich sehr aus meinen Träumen und verletzte mich zutiefst und ich hatte auch das Gefühl es selbst zerbrochen zu haben, weil ich jemand an diesen Ort mitgebracht hatte. Es kam zusammen: mein Verrat und die Rodung. Aber alles geht zu Ende. Nicht zuletzt auch deshalb, weil in der Natur alles entstehen und vergehen muss um wieder neu zu entstehen. So auch dieses Mal. Es ist noch nicht so lange her, da fand ich dieses Ort erneut, aber ich fand dieses mal die andere Seite. Die eine Seite war gerodet und ich war seit dem Zeitpunkt, den ich gerade beschrieben habe nur zwei, höchstens drei mal in dieser Welt da. Ich habe auch lange nicht mehr daran gedacht, bis ich einmal vor etwa einem Jahr, auf einer meiner schamanischen Reisen dort hingezogen wurde, das Tor durchschritt und auf der tatsächlichen anderen Seite angelangte. Aber davon, will ich euch ein anderes mal erzählen...

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