Montag, 29. Oktober 2007

Die wunderbare Schmetterlingsfrau

Diese Geschichte ist eine der sonderbarsten Geschichten die ich je geschrieben habe. Als ich sie schrieb habe ich mir die Schmetterlingsfrau erst anders Vorgestellt, doch dann ent-puppte sie sich im wahrsten Sinne des Wortes als der Inbegriff der weiblichen Seite des Waldes für mich. Ich habe versucht sie zu zeichnen, der echten Schmetterlingsfrau wird ein Abbild jedoch niemals gerecht werden... aber kommt und seht sie selbst:


Schmetterlingsfrau

Ein schmales Rauchfähnchen stieg aus dem ziegelroten Schornstein empor. Der Wind, schon beschwingt von der Kraft des Herbstes, strich um das Haus, nahm das Fähnchen auf, trug es fort – auf unsichtbaren Wegen hinauf zu den Wolken die unsere Träume und Sehnsüchte mit zum Horizont nehmen.
Vor dem Kamin, im knarrenden Schaukelstuhl aus Zedernholz wiegte sich eine Greisin mit silbern schimmernden Haaren, die sie über die rechte Schulter bis hinunter in ihren Schoß gelegt hatte.
Als Sanök noch klein war, da hatte er sich auf ihrem Schoß zusammen gerollt. Die Großmutter strich über sein Haar und ihre sanfte Stimme hatte ihm sorgsam eine Geschichte nach der anderen in sein kleines großes Herz gelegt. Nun war er ein junger Mann. Beständig bewegte er sich mit schweigenden Schritten durch das kleine Haus und umsorgte die ehrwürdige Greisin in seiner ganzen Liebe. Vor langer Zeit hatte sie angefangen zu schweigen. Hände und Augen hatten sich zur Ruhe gelegt. Still war ihr Blick auf einen Ort gerichtet – einen Ort der weit außerhalb ihres kleinen Hauses lag – einen Ort der weit außerhalb der Welt lag, die sie einmal bewohnt hatte. Und nun – zuzeiten huschte ein Funkeln durch ihre Augen, ein gleißender Lichtstrahl – nur einen Wimpernschlag lang. In diesen Augenblicken war sie gegenwärtig. Sie schaute Sanök an, lächelte – und dann trieb ihr Blick wieder fort, ohne das sie Kopf und Augen noch einmal wendete.
Zehn Jahre war nun schon kein einziges Wort über ihre Lippen gekommen. Sanök hatte mit ihr geschwiegen, mit ihr gewartet und sie immer wieder liebvoll angesehen, wie sie da in ihrem Schaukelstuhl am Feuer saß und gleichmäßig hin und her wippte. Er legte eine Hand voll Tannenzweige ins Feuer. Der Duft zog sich bin in jeden versteckten Winkel. Liebevoll hatte ein Augenpaar jede seiner Bewegungen begleitet und als er die Blicke auf sich spürte, wandte er sich um und begegnete dem warmen, vertrauten Lächeln seiner Großmutter. Er kam zu ihr und umschloss ihre Hand. Ihre Haut war seidig und weich. Als er sie ansah wusste er, dass sie dieses mal zu ihm gekommen war um von ihm Abschied zu nehmen.
„Sanök,“ sagte sie sanft,
„dies ist meine letzte Geschichte.“
Sanök nickte.
„Draußen im Wald bei den drei Eichen, da steht ein Pfahl. Zum Gedächtnis in den Boden gerammt und mit Blut beschmiert, jedem zur Mahnung, der es wagt, von dort aus weiter in den Wald vorzudringen. Denn hinter den drei Eichen beginnt das Reich der wunderbaren Schmetterlingsfrau. Aus ihrem Schoß gebar sie unsere fruchtbare Erde und an ihren Brüsten säugte sie den Grund bis er zu diesem einzigartigen Ort herangewachsen war, den wir unser zu Hause nennen.
Die Schmetterlingsfrau ist von kindlicher Schönheit. Sie ist eine uralte Weise mit dem hellen unbeschwerten Lachen eines jungen Mädchens. Sie kennt das Geheimnis des Seins und den Grund der Unendlichkeit.
Vormals, da gab es ein Bild von ihr, ausgestellt in einem Schloss, drei Tagesreisen von hier. Die jungen Männer pilgerten in Scharen herbei und wer das Bild ansah, der wurde von einer unstillbaren Sehnsucht ergriffen, die ihn forttrieb, nach der Schmetterlingsfrau zu suchen und sie für sich zu gewinnen. Viele fanden den Weg zu ihr – noch mehr aber verirrten sich auf dem Weg. Einige streifen noch heute durch die Wälder, dem Wahnsinn nahe. Jenen aber, welche die Schmetterlinsfrau gefunden hatten erging es nicht besser. Wer auch immer zu ihr ging, er kam ohne Erfolg wieder. Statt dessen waren sie alle zutiefst verwirrt und konnten nicht genau beschreiben was sie nun wirklich gesehen hatten. Manche erzählten mit weiten Augen von einem geflügelten Monster, andere wiederum von einem verlassenen Baby oder einer zerfallenden Leiche. Die wenigen die der wunderbaren jungen Schmetterlingsfrau begegneten konnten sie nicht ansprechen, sie fassen oder gar einfangen um sie mit sich Heim zu führen. Manche der Männer gerieten darüber in großen Zorn, den sie mit in ihre Heimat nahmen. Andere aber schienen wie gelähmt, sie trennten sich von der Welt ab und starben in Einsamkeit. Keiner der Außenstehenden konnte sich erklären was den Männern im Wald der Schmetterlingsfrau begegnet war. Aber es musste gefährlich sein. Und sie gerieten in Angst. So riefen sie einen mächtigen Zauberer herbei, der die Gefahr bannen sollte, damit die Schmetterlingsfrau nicht irgendwann aus ihrem Wald herauskäme um sie alle in den Wahnsinn zu stürzen.
So rammte der Zauberer einen Pfahl in den Boden und bestrich ihn mit Ochsenblut. So sollte der böse Geist, den sie im Wald vermuteten, für immer an diesem Ort gefesselt bleiben, wo er niemandem schaden konnte. Der Pfahl fuhr der Schmetterlingsfrau als stechender Schmerz ins innerste Her. Sie erkannte wohl die Trennung, die nun in den Seelen der Menschen vollzogen war, wenn auch der Zauber an sich nichts bei ihr bewirkte, denn sie selbst steht über jeglichem Zauber.
Aber – sie blieb in ihrem Wald um die verängstigten Seelen in Sicherheit zu wiegen, damit ihnen nicht auch noch ihr Glaube an die Geborgenheit verloren ginge, wo sie die Geborgenheit selbst vor sich verschlossen hielten.
Sanök wisse: Die Schmetterlingsfrau sie wartet. Wartet auf den der kommt um sie zu sehen – furchtlos und mit offenem Herzen. Die Schmetterlingsfrau wartet auf den der sie erkennt.“
Die Großmutter legte die Hand auf seine Wange. Sie lachte unbeschwert und strich ihm dabei durch das Haar. Lächelnd lehnte sie sich zurück und schloss ihre Augen. Nach einer Weile merkte Sanök, wie ihre Hand noch weicher wurde, wie ihre Hand ein wenig tiefer in die seine sank. Er küsste ihre Stirn.
Sanök löschte das Feuer im Kamin und hängte Tücher über die Bilder an der Wand. Dann ging er zur Wanduhr und hielt ihr Pendel an. Morgen, so wusste er, käme der Kaufmann und würde sie finden.
Er hatte keine Ruhe zu warten. Den Weg zu den drei Eichen kannte er. Als Kind war er oft im Wald gewesen und seine Eltern die schon lange nicht mehr lebten, hatten ihn jedes Mal ermahnt von dem verfluchten Ort fern zu bleiben. Trotzdem oder gerade deshalb war er immer wieder hierher gekommen. Er war auf eine Eiche geklettert und hatte von dort aus einigen Vögeln nachgestellt, ein Lied gepfiffen oder einfach nur dagesessen und dem Rauschen der Blätter in der mächtigen Krone gelauscht. Das alles hatte mit dem Tod seiner Eltern ein jähes Ende genommen, denn durch die Pflege seiner Großmutter, war ihm dafür nur noch wenig zeit geblieben. Später schien ihm diese schöne Kindheit in zu weite Ferne gerückt zu sein. Er stand einmal, vielleicht auch zweimal vor den Eichen – etwas suchend, was er hier nun nicht mehr finden konnte. So blieb er auf dem Boden, schlenderte wieder nach Hause und hatte sich mit einem langen Grashalm im Mundwinkel auf der morschen Bank hinter dem Haus niedergelassen.
Das war Jahre her. Nun war er wieder hier, aber dieses mal war es Zeit diese Grenze zu überschreiten. Waren die Eichen bis zu diesem Zeitpunkt sein Ziel gewesen, so waren sie jetzt sein Ausgangspunkt. Er stand unter den mächtigen Kronen, deren goldenes Laub, sich in der Sonne rot verfärbte. Ein ungestümer Wind rauschte durch die bunten Blätter und nahm einige von ihnen mit sich fort. Sanök wurde von dieser Kraft ebenfalls ergriffen und ehe er sich versah war er Ast um Ast hinaufgeklettert und der letzte Zipfel des lebhaften Windes preschte durch sein Haar. Für einen Moment schloss er die Augen und spürte die Kraft seinen Körper durchdringen. Als er wieder hinunter sah, erkannte er in einiger Entfernung einen großen Schatten über den Waldboden gleiten. Schnell kletterte er hinunter und lief zu der Stelle an der er den Umriss das letzte mal wahrgenommen hatte. Da sah er weiter hinten wieder etwas umher schweben. Er folgte heimlich der Gestalt bis zu einer kleinen Hütte durch deren Fenster er einen flackernden Lichtstrahl sah. Verwundert beobachtete er die Gestalt von einem Baum aus. Was das die wunderbare Schmetterlingsfrau?
Gewiss – die Frau, die er dort sah, trug azurblaue Schmetterlingsflügel auf dem Rücken. Allein er fragte sich, wie diese filigranen, beinahe transparenten Gebilde einen Körper von so massiger Gestalt tragen konnten. Sie hatte breite ausladende Hüften und ihre Brüste waren groß, doch so leer, dass sie bis auf den prallen, runden Bauch herunterhingen. Ihr Gesicht zeigte uralte Linien und tiefe Falten. Am ganzen Körper war sie dicht mit Haaren übersäht. Aber sie bewegte sich schwebend und leicht als hätte all das kein Gewicht. Sie schaukelte leicht über Gräser und Sträucher hinweg, bis zu ihrer Türschwelle, wo sie landete um einzutreten. Innen entzündete sie ein Meer aus Kerzenlichtern. Sie entkleidete sich und stieg in einen dampfenden Kräutersud. Sanök bemerkte, wie sein herz schneller schlug. In dieser ungewohnten Unförmigkeit die sich ganz vor ihm enthüllt hatte, entdeckte er plötzlich den verborgenen Schimmer einer ursprünglichen, ungezähmten Schönheit. Es erschreckte ihn nd berührte ihn in der Tiefe seines Herzens. Während sie badete stimmte sie ein Lied an, welches sich tief vibrierend durch die Hütte zog und nach draußen drang, wo es Sanök ergriff. Gleichzeitig beschlich ihn Beschämung darüber, dass er wie ein Dieb am Fenster lauerte. Sein Herz aber, war bereits in die Hütte eingetreten und als er sie aus dem Bad steigen sah, da war er wie verzaubert. Sie zog ein weißes Gewand an und löschte die Kerzen nachdem sie ihnen für ihr Licht gedankt hatte. Sanft schien der Mond durch das Fenster. Sanök wartete eine Weile bis die Schmetterlingsfrau eingeschlafen war. Dann schlich er sich leise durch die Tür hinein. Der volle Mond warf seinen Schein quer über ihr Bett. Sanök stand davor und betrachtete ihren ruhigen Schlaf. Ihr Gesicht war friedlich und nicht lange da merkte er, das sie gestorben war. Ein lautloser Schrei erfasste seine Seele als er sah, wie sie vor seinen Augen zu Staub zerfiel. Seine Hände wollten sie ergreifen und festhalten, und wussten doch, dass nichts weiter übrig bleiben würde wie der Staub eines zerfallenen Schmetterlingskörpers, der über die Handflächen glitt, bevor er ihm durch die Finger rann.
Einzig ihr runder Bauch zeichnete sich unverändert unter der Decke ab. Im Morgengrauen, als der ganze Körper zerfallen war, da bewegte sich plötzlich etwas an dieser gewölbten Stelle. Sanök ergriff einen Zipfel der Decke und zog ihn zaghaft nach unten. Da sah er und weinte vor Freude und seine Tränen fielen auf das Kissen und spülten den Staub des zerfallenen Körper weg.
Da lag ein Neugeborenes – nackt und quicklebendig. Als es ihn bemerkte, da jauchzte und strampelte es mit beiden Beinchen. Da wickelte er es in die Decke und nahm es hoch um es sanft zu wiegen. Darüber schlief es ein. Und als er es zurück ins Bett legte da war es bereits ein kleines Mädchen mit einem lockigen Haarschopf. Da wurde er verzagt, denn wieder kam ihm die Heimlichkeit in den Sinn mit der er sie beobachtet und belauscht hatte. Bald, so wusste er, wurde sie als jede wunderbare, junge Frau erwachen, nach welcher all die Freier gesucht hatte. Und er fürchtete sich. Er konnte sie nicht um ihre Hand bitten, so sehr auch in Liebe zu ihr entbrannt war. Denn er hatte sie gesehen und sein Herz begriff in diesem Gedanken wie unfassbar sie war. Hätte man diese Blume gepflückt, sie wäre sogleich in der Hand verwelkt. Sie konnte niemandem gehören und doch hatte er sich heimlich einen Teil von ihr genommen. Leise und unsichtbar wie ein Dieb. So ging er, denn er fürchtete ihren Glanz zu trüben. Er strich durch den Wald und suchte den Weg zurück zu den drei Eichen. Doch er irrte umher.
Wochen, Monate – Jahre. In dieser Zeit litt er weder Hunger noch Durst, noch musste er frieren. Hatte er Hunger, so aß er von den Bäumen und Tieren im Wald. Hatte er Durst, so fand er stets einen Bach mit klarem Wasser. Nachts bettete er seinen Kopf auf weiche Mooskissen und wurde es kalt so fand er schützende Höhlen. Allein sein Herz dachte jeden Augenblick an die Liebste, die niemals sein werden konnte. Er betrachtete das kommen und gehen der Sonne, den Zug der Sterne am Nachthimmel, den Wechsel der Jahreszeiten und in all diesem Wandel war sie. Welche die Kraft in sich trug beständig zu werden und zu vergehen. Ungreifbar für Menschenhände. Er sah ihre Seele gespiegelt im steten Verändern des Waldes und er erfasste warum ihr Schoß die fruchtbare Erde gebiert und nährt.
Und dann hielt er inne. Hielt sein Gehen, sein Umherirren an. Er stand still und wagte kaum zu atmen. Die ganze Zeit war er durch sie hindurch gewandelt. Sie hatte für ihn gesorgt und ihn gewärmt. Hatte ihn nachts auf Moos gebettet und die Sterne hatten wie funkelnde Augen über ihn gewacht. Sie war der Wald. Sie war die Erde. Sie war im Innen, nicht im Außen. Sie war er im Spiegel der Seele. Noch einmal wollte er sie sehen aus der Entfernung ohne sie zu stören. So sah er sie bald darauf in der Morgensonne als junge Frau über die Wiese auf einer Lichtung hinwegschweben und einen Blumenstrauß pflücken. Den ganzen Tag blieb er in ihrer Nähe, denn er konnte die Augen nicht von ihr abwenden. Abends kehrte sie in ihrer massigen Gestalt zurück zu ihrer Hütte um zu baden und erst als sie auch die letzte Kerze gelöscht hatte, da versteckte er sich in der Nähe unter einem Blaubeerstrauch.
Am nächsten Morgen erwachte er, geweckt von zwei zarten Händen, die sich rechts und links auf seine Wangen gelegt hatten. Noch ehe er die Augen aufschlagen konnte, hörte er eine freudige Stimme rufen:
“Da bist du! Endlich.“
Erschrocken darüber, dass sie plötzlich so nahe war, wich er zurück. Sie sah in sein entsetztes Gesicht und kicherte. Sie kam heran und legte ihm ihren Zeigefinger auf die Lippen:
“Schsch,“ flüsterte sie, „-nicht doch. Sieh nur, du bis wie ich.“ Sie gab ihm einen Spiegel. Da sah er auf seinem Rücken ein starkes Flügelpaar, welches dennoch so leicht und filigran war, dass er es kaum zu spüren vermochte. Sein Gesicht war frisch und voll, trotz der Jahre die er im Wald umhergeirrt war. Sie nahm ihn bei der Hand und gemeinsam tanzten sie nach den Sonnenstrahlen.
Und als es Nacht geworden war, da suchten sie sich ein Mooslager unter den Sternen, wo sie sich liebten bis ihre Körper zu Staub zerfielen.
Früh am Morgen strich ein sanfter Wind durch die Zweige des Waldes bis hinunter zum duftenden Waldboden. Und als er auf dem Mooskissen Staub liegen sah, hob er ihn auf und trug ihn fort. Hinein in die Herzen der Menschen wo Schmetterlingsmann und Schmetterlingsfrau aufstehen um zu werden und zu vergehen, wann immer sie in wahrhafter Liebe geweckt werden.

Andere Geschichten findet ihr in meinem Märchenbuch "Jenseits der liegt immer ein Morgen" (erschienen 2001)

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