Sonntag, 21. Oktober 2007

einen Schatz vergraben

In meinem Wald da gab es zwischen den Fichten und anderen Bäumen tiefe Schneisen die kleine Bäche, die dort schon immer flossen in die Erde gegraben haben. Manchmal versuchte ich dem Lauf dieser Bäche zu folgen bis ich mich im Gestüpp der Fichtenäste verfing und nicht mehr weiter konnte. Die Schneisen bildeten immer einen steilen Hang zum Bach hinunter. Die Wurzeln der umgestürzten Bäume und die riesigen Löcher die sie in der Erde hinterließen waren in meiner Vorstellung unzählige Eingänge zur Welt der Erdgeister. Auch im Hang selbst bildeten sich überall durch Verwitterung diese Löche mit kleinen Vorsprüngen die mit Bärläpp und anderen Mosen bewachsen waren. Ich saß manchmal da uns streichelte die Mooskissen oder beobachtete die langen, grazilen Stengel mit den kleinen Köpfen die sie zur "Blüte" austrieben. Oft legte ich aber auch meinen Kopf auf das Mooskissen und schaute hinauf in das Dickicht der Fichtenzweige über meinem Kopf, wie sie sich im Wind sanft hin und her wiegten.
Dann kam ich auf die Idee kleine Schätze in die Erdlöcher zu stecken. Ich hatte ein kleines Glasfläschchen mit einem Korkenverschluss. Ich stellte mit Bachwasser und ein paar gefundenen Kräutern einen "Zaubertrank" her den ich in dem Glasfläschchen für ein paar Tage bei mir trug. Ich ging damals jeden Tag in den Wald und immer wenn ich mich ein wenig in den Hang, an den Bach oder eine Lichtung gesetzt habe, habe ich das Fläschchen herausgeholt und es betrachtet wie einen großen Schatz. Nach diesen Tagen filterte ich die Kräuter heraus und füllt nur die grün gewordene Flüssigkeit in das Fläschchen.
Dann ging ich im Bach gegen die Strömung immer weiter bis ich zu einem besonders markanten Überhang mit großen Löchern kam. Ich legte das Fläschchen in das Loch und schob es mit einem Stock weit in den Hang hinein. Ich habe danach noch lange ab und zu an den Schatz gedacht und als ich erwachsen wurde habe ich ihn dann doch irgendwann ganz vergessen.
Sehr lange Jahre später, ging ich einmal mit einer Freundin einen der Waldwege entlang, von denen ich damals querfeldein oder den Hang hinunter abgebogen war. Wir unterhielten uns, doch plötzlich ergriff mich etwas, so dass ich augenblicklich verstummte. Mich überkam von weit her ein Gefühl des Aufgehobenseins und des Gefühls zu Hause zu sein. Meine Freundin schaute mich fragend an, war aber ganz still. Augenblicklich kam mir das Fläschchen, welches ich mehr als ein Jahrzehnt vorher an dieser Stelle vergraben hatte in den Sinn. Der Hang mit seinen hohen Fichten war mittlerweile gerodet worden und es wuchsen dort auch schon wieder neue Bäume. Der Hang war durch die Rodung etwas abgerutscht und mir war auf einmal klar, dass mein Fläschchen nun wirklich ganz und gar in diesem Berg verborgen lag. Ich stand lange da und flüsterte dann: "Hier bin ich zu Hause." Meine Freundin sagte dazu nichts und sehr wahrscheinlich konnte sie auch nicht wirklich nachvollziehen, was ich gerade sagte oder fühlte. Das machte nichts. Lange Zeit danach dachte ich täglich an dieses Ereignis. Ich wohne 200 km von der Stelle entfernt und kann sie nicht immer besuchen, aber ich habe einen Baumanhänger der mir das Gefühl gibt, einen Teil dieser Heimat die in diesem Wald verborgen liegt mit in die Welt hinaus nehmen zu können, wo er mich immer begleitet - auch ein Schatz.

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