Montag, 12. November 2007

Der Zug der Wildgänse(2)

Als ich am Dienstagabend ankam habe ich zuerst einmal ein Brot gebacken und Feuer in der Feuerstelle gemacht. An diesem Abend tat ich nichts als in die Flammen zu schauen und Holzscheite nachzulegen. Die Hitze des Feuers hat mich bis ins Mark durchgewärmt. Bevor ich schlafen ging habe ich mir eine der Wanderkarten, welche zum Haus gehören ausgesucht.

Am nächsten Tag erwachte ich mit rasenden Kopfschmerzen nach einer Nacht in der ich mich im Bett ständig herumgewälzt habe. Ich aß mein Brot, einen Apfel und Eier zusammen mit heißem Wasser, weil ich den Tee vergessen hatte. Ich fühlte großen Widerstand hinaus zu gehen und den 19 km Wanderweg in Angriff zu nehmen, den ich herausgesucht hatte. Es regnete und dichter Nebel lag auf den Spitzen der Bäume und dazwischen. Aber irgendwie hatte ich das Gefühl, dass ich das jetzt in Angriff nehmen muss. Deshalb zog ich mein Regencape über meine Jacke, verstaute die Wanderkarte darin und ging los.

Irgendwann auf meinem Weg merkte ich, dass ich so mit meinen Gedanken beschäftigt war, dass ich überhaupt nichts vom Wanderweg, von den Bäumen und vom Nebel mitbekam. Ich blieb stehen. Dann kam mir in den Sinn, dass einer der Druiden mit auf den Weg gegeben hat : Let the forest heal you. Also dachte ich mir, ok, dafür ist es wohl notwendig, dass ich ihn auch in mich hinein lasse.

Also konzentrierte ich mich auf meine Umgebung. Plötzlich hatte ich das Gefühl, dass mich jemand an der linken Schulter packt. Mit einem lauten Stöhnen wandte ich mich um. Aber da war nichts. Ein paar Schritte weiter passierte es noch einmal. Nichts. Nur Nebel mit etwa dreißig Meter Sicht. Dann verfiel ich zurück in meine wilden Gedanken, spürte aber nun im Unterschied zu vorher auch die Umgebung. Es brach eine Art Kampf zwischen in mir aus. Dieser Kampf schwoll immer mehr an. Die Kämpfe die man gegen sich selbst führt, sind oft die härtesten.

Irgendwann hörte ich mich selbst flüster: ich ergebe mich, ich ergebe mich... Da war es plötzlich still. Ich fühlte nur noch wie meine Füsse weiter gingen. Das war angenehm. Was immer ich tat, meine Füsse trugen mich weiter und weiter und weiter... Ein kurzer Gedanke schoss mir durch den Kopf: es war gut, dass ich mir den langen Weg ausgesucht habe. Ich ging weiter und mein Kopf war gedankenleer. Mir viel auf, dass die Regentropfen auf einmal ganz laut auf die Erde platschten, wie bei einem Regenguß. Aber es nieselte nur. Ich hörte alles sehr laut. Danach wurde meine Sicht ungewöhnlich scharf. Ich sah die kahlen Stämme der Buchen aus dem dichten Nebel auftauchen und hinter mir verschwinden als ob sie sich von selbst bewegten. Und meine Füsse trugen mich weiter und weiter...

Dann wurde es unerwartet hell um mich herum und ich blickte auf. Ich war oben auf einem Berg angekommen. Es war immer noch nebelig, aber nicht so sehr. Die Bäume standen weiter auseinander. Ich hörte ein paar Vögel singen. Zuvor war es im Wald total still gewesen. In so dichtem Nebel singt kein Vogel. Diese Bergspitze war ein freundlicher Ort und ich fühlte wie er etwas in mir öffnete. Meine Füsse gingen weiter und trugen mich bergab. Dann verschluckte mich der dichte Nebel noch einmal und es wurde wieder sehr still. Ich fühlte mich nicht länger abgetrennt. Durch den dichten Nebel weiter zu gehen fühlte sich nun so an, als ob ich in mir selbst weiter wandere. Der Weg war ein Rundweg. Als ich schon wieder fast zu Hause war roch ich auf einmal einen süßlichen Duft, wie von Sandelholz. Ich schaute mich um und war sehr erstaunt. Da war aber wieder nichts, nur Nebel und Bäume und mein Wanderpfad. Für einen kurzen Moment erinnerte ich mich, dass einer der Druiden mir versprochen hatte für mich eine Kerze brennen zu lassen, als ein Licht auf meinen dunklen Wegen. Ich sah die Flamme dieser Kerze kurz vor mir flackern und lächelte. Meine Füsse trugen mich weiter.

Ich kam wieder an die Stelle an der ich zu Anfang das Gefühl gehabt habe, dass mich jemand an der Schulter packt. Mir fiel es genau dann auf, als es wieder passierte. Ich ging weiter und nahm mir vor das im Hinterkopf zu behalten. Als ich wieder im Haus war machte ich Feuer. Ich begann etwas über die Wanderung zu schreiben, die ich gerade hinter mich gebracht hatte, aber alles, was ich schrieb kam mir unheimlich bescheuert vor. Also warf ich alles ins Feuer und sagte mir, dass ich nicht im geringsten irgendetwas darüber zu schreiben brauche. Am Abend machte ich ein kleines druidisches Kreisritual. In dieser Nacht schlief ich wie ein Stein.

Keine Kommentare: