Donnerstag, 10. Mai 2012

Gundermann das Pflanzen-Heinzelmännchen

Gundermann blüht zur Zeit überall

Kein Baum grünt ohne Kraft zum Grünen. Kein Stein entbehrt der grünen Feuchtigkeit. Kein Geschöpf ist ohne diese besondere Eigenkraft: die lebendige Ewigkeit selbst ist nicht ohne Kraft zum Grünen.
(Hildgard von Bingen)

Es ist schon viele Jahre her, da begegnete ich der kleinen Persönlichkeit des Gundermann während eines Landfrauenwochenendes im Odenwald. Wir Frauen flochten Kränze daraus und setzten sie uns auf den Kopf. In den alten Zeiten als der alte und der neue Glauben noch viel offensichtlicher als heute miteinander verwoben waren, glaubte man, wenn man sich sonntags in der Kirche einen Gundermannkranz auf den Kopf setzt,  konnte man diejenigen Frauen die in der Woche zuvor zauberischen Dingen nachgegangen sind, leicht über dem Boden schweben sehen und sie somit entlarven. Noch weiter zurück in der Gegend um den Harz herum, findet man das Gundermannkränze binden in Verbindung mit der Walpurgisnacht (Kranzkraut, Erdkränzel):

Ein Dienstmädchen hörte, dass eine Frau eine Hexe sei, und um die Wahrheit zu erfahren, wand sie am Sonntag nach Walpurgis einen Gundermannkranz, setzte ihn auf und ging in die Kirche. Sie war die erste drin und die erste wieder draußen, und sah nun, wie ihre Frau und viele andere Frauen des Dorfes auf Besen und Ofengabeln aus der Kirche geritten kamen. Doch sobald die hexen den Gundermannkranz auf dem Kopf des Mädchens bemerkten, fielen sie darüber her und zerschlugen es so, dass es am folgenden Tag starb.
(Unsere Heilpflanzen, Heinrich Marzell)

Die Grausamkeit der entdeckten Hexen in dieser volkstümlichen Überlieferung ist ein auch in Märchen und vielen Vokserzählungen weit verbreitetes Phänomen, welches Kräuterwissen bzw. die damit in Verbindung stehenden Frauen verunglimpfen sollte. Darüber braucht man sich keine Sorgen zu machen, es entsprach der damaligen Art und Weise die Diskrepanz zwischen altem und neuem Glauben zu Gunsten des einen oder anderen aufzulösen (man bemerke, dass das Dienstmädchen, in dem sie den Kranz aufsetzt selbst einen zauberischen, hellseherischen Akt vollzieht).

In kaum einem anderen Kraut spiegelt sich das Mysterium des Grünen als allgegenwärtige, heilende und gute Kraft so sehr wie im Gundermann. Am Gründonnerstag gab es, es ist noch gar nicht so lange her, in den meisten Haushalten eine grüne Suppe, welche aus neun ausgewählten Kräutern zubereitet wurde. Die neun Kräuter verkörperten die guten Haus- und Hofgeister und sollten den Menschen in guten und schlechten Zeiten und in Not ihre Hilfe als Heinzelmännchen anbieten. Ein ableger dieser Gründonnerstagssuppe ist sicherlich auch die Frankfurter Grüne Sauce. Gundermann gehörte schon immer als einer der wichtigsten Bestandteile in die Gründonnerstagssuppe, da er sich gerade in Nähe von Haus- und Hof im Frühling gern verbreitet. Nach einem langen, harten Winter versprach er nun neue, übersprießende Lebenskraft und Gesundheit. Er beschützte und reinigte von schlechten Einflüssen und vor auszehrenden Krankheiten.

Wer sich nun noch fragt, welche acht anderen Kräuter noch zu dieser Kraftsuppe gehörten, soll nicht im Ungewissen bleiben, es waren:
  • Gundermann
  • Brenessel
  • Spitzwegerich
  • Gänseblümchen
  • Vogelmiere
  • Guter Heinrich
  • Sauerampfer
  • Löwenzahn
  • Schafgarbe

    in manchen Rezepten findet man auch 
  • Kerbel
  • Bachehrenpreis
  • Bärlauch
  • Pimerpernelle
eben solche Pflanzen die in unserer unmittelbaren Umgebung zum Anfang der warmen Tage aufblühen und tausendfachfach gedeihen und die im Sinne Hildegard von Bingens das übersprühende Leben und die Fülle der Natur für uns greifbar machen.

Woher kommt nun der Name? Der Gund war im germanischen Sprachgebrauch eine Bezeichnung für Eiter und bezeichnete damit eine ganze Klasse von Krankheiten, welche allesamt mit eitrigen Wunden, und schwer heilbaren Infektionen in Verbindung stand. Die Personifizierung als Gundermännchen rührt nun daher, dass dieses Kraut viele solcher Krankheiten zu bessern und zu heilen vermag und vielfältig eingesetzt wurde. Gundermann ist ein guter Pflanzengeist.

Auch heute noch können wir in der Naturheilkunde die vielfachen Anwendungsgebiete beobachten. Aufgrund seines Gehaltes an Gerbstoffen, Bitterstoffen und Ätherischen Ölen wirkt er zusammenziehend, schleimlösend, anregend auf Nieren und Blasen, regulierend auf den Stoffwechsel.
Außerdem schmeckt er fantastisch im Kräuterquark, wie wir ja schon öfter in den schönen Tagen auf der Happy Marry feststellen konnten, wo wir für die Lagerfeuerkartoffeln noch reichlich Gundermann zum Kräuterquark gesammelt haben und frische Minze für den Tee.

Wer nun auch Lust hat mit dieser Persönlichkeit zu kochen. Hier eine leckere Kartoffelsuppe:

Du brauchst 5 große Kartoffeln, 1 Karotte, 1/2 Sellerie. Diese Gemüsen in Würfel schneiden und in Salzwasser garen. 1 kleine Zwiebel mit 100g Schinkenspeck in einer Pfanne anrösten und dann eine handvoll Brennesselblätter hinzu geben. Alles mit 50g Mehl bestäuben und noch ein wenig weiter rösten. Wenn alles gut duftet, das ganze mit dem Kartoffel-Gemüse Sud aufgießen und mit Salz und Pfeffer abschmecken. Zum Schluss 3 Handvoll Gundermannblätter hacken und in die Suppe einrühren. Wer will mit einem klecks sauerer Sahne oder Schmand servieren.

1 Kommentar:

Shivani Allgaier hat gesagt…

Danke für diesen schönen Artikel über den Gundermann. Ich verwende auch gerne die zarten Blüten und auch kleine Blättchen davon für den Salat. Außerdem liebe ich die Ausführungen von Wolf-Dieter Storl. Dieser hat mal den Gundermann als Schützenhilfe hinters Ohr gesteckt, um wenigstens etwas Lebendiges bei sich zu haben, als er eine Vorlesung zu Pflanzen in München in einem nüchternen Hörsaal vor sich hatte.
Gärtnerische Grüße